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Der ehemalige Pfarrer



Auszug aus dem Buch "Die Seele Gottes"


…Schon während des Theologie-Studiums und dem darauf folgenden einjährigen Praktikum kamen immer wieder meine Desorientierungs- und Angstzustände zum Vorschein, so dass ich zu dem Schluss kam: die eigentliche Erlösung, die wahre Freude im Innern, lässt doch noch auf sich warten. Zudem bekam ich nach und nach Zweifel, was den Umgang der Gemeinde mit `Wahrheit´ betraf. Ich lernte zu meiner damaligen Überraschung nach und nach immer mehr erstaunlich bornierte Menschen kennen, die sich im Namen des Glaubens allerlei `Dummheiten´ leisteten. Die meisten Dinge des Lebens waren bei diesen Menschen sehr einfach erklärbar; und so schafften sie es, die abstraktesten Gedanken-Ketten und Probleme stets doch noch irgendwie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu reduzieren um die benötigten Antworten dann abschließend `theologisch´ herleiten zu können - natürlich immer mit der Bibel, dem `Worte Gottes´. Da gab es dann am Ende auf alles die passende, perfekt zugeschneiderte Antwort. Ich merkte es nicht gleich, aber im Laufe der Jahre ließ mich dieser unterschwellige Hochmut, diese Willkür im Umgang mit dem, was Gott angeblich gesagt hatte, mehr und mehr Abstand zu dieser Glaubensgemeinschaft gewinnen. Ich entdeckte, dass hier ja kaum einer wirklich `erlöst´ war, die meisten es sich aber kontinuierlich einredeten. Viele sahen sich zwar als erlöst an, aber ihre Augen strahlten es überhaupt nicht aus. Und die Verhaltensweisen ließen es ebenso wenig erkennen. Der Umgang mit meinen `Glaubensgeschwistern´ schmeckte eines Tages plötzlich fad und abgestanden, es roch mehr und mehr nach Lüge und Selbstbetrug. Ich entdeckte Oberflächlichkeit, die häufig gekoppelt war mit neurotischer Ignoranz, manchmal auch mit Fanatismus und Selbstherrlichkeit. Viele waren sich ihres Gottes scheinbar so sicher, dass sie jegliches Augenmaß für die vorhandenen Widersprüche in ihrem Leben verloren hatten. Oder sie waren in Wirklichkeit so unsicher, dass sie es mit ihrem künstlichen `liebevollem Getue´ dauernd überspielten. So erlebte ich zahllose theologische Streitereien (siehe weiter unten, z.B. S. 126 ff), reichlich zurecht geschneiderte `bibelorientierte´ Erklärungen für alles Mögliche (und Unmögliche), erlebte dabei gleichzeitig auch die Unfähigkeit dieser Christen, auf einen Menschen wirklich einzugehen, ohne ihm andauernd zu sagen, er solle sich doch einfach nur an Jesus wenden. All dies ließ mich schließlich – nach Jahren intensiven Gemeindelebens - zu der Entscheidung kommen, nicht mehr weiter Pastor in dieser Kirche bleiben zu wollen. Aber ich ergänze: Natürlich waren nicht alle Gläubigen so engstirnig. Es wäre sicher unfair, wollte ich diese Menschen nun im Nachhinein über einen Kamm scheren. Es gab immer auch diejenigen, die sich mit Recht als progressiv, liberal, moderner oder aufgeschlossener bezeichnen konnten. Zu denen hatte ich folgerichtig auch noch den engsten Kontakt. Und ich hatte einige Freunde in der Gemeinde, mit denen ich zahlreiche Diskussionen führte. Dennoch wurde mir mehr und mehr klar, dass der gesamte Überbau – oder eher gar noch das Fundament – auf etwas aufgebaut war, das in meinen Augen bereits im Grundansatz als falsch, unehrlich und irrational zu betrachten ist, mochte man sich innerhalb dieser Struktur nun als liberal bezeichnen oder nicht. Und schließlich verließen die meisten `Liberalen´ dann auch häufig lieber diese Gemeinschaft, als dass sie sich die Mühe gemacht hätten, die konservativen Strukturen und Verkrustungen aufzuweichen. Auch ich gehörte zu dieser Art `Liberaler´. Und ich gebe es zu: Ich war nicht willens, meinen Beitrag zu leisten, um innerhalb der Gemeinde etwas zu reformieren, etwas, das aus meiner Sicht derart auf Irrtum und Lüge gegründet war. Und darüber – also über mein vermeintliches Versäumnis - kann man natürlich diskutieren; oder es auch lassen. Man stelle sich das einmal vor: Manche Glaubensgenossin von damals hörte mir in meiner Predigt gar nicht mehr zu, nur weil Monika als meine `Pastorenfrau´ damals Ohrringe im Gottesdienst trug. So ignorierte diese Frau einfach meine Predigt. Ein anderer `Bruder´ beschimpfte mich, weil ich es wagte, aus F. Nietzsches `der Antichrist´ in einer meiner Predigten zu zitieren. Ein weiterer, älterer `Bruder´, fiel beinahe über die Kinder her und beschimpfte sie maßlos, weil sie im kindlichen Übermut Schneebälle warfen, und dabei aus Versehen auch das Kreuz, das auf dem Gottes-Haus eingezeichnet war, trafen. Eine wahre Todsünde in seinen Augen. `Bruder R.´ war (ohne Übertreibung) wahrlich hinter jedem Rock her (obwohl er schon über 60 Lenze zählte), wollte aber, dass ich bei ihm und seiner damaligen Geliebten brav das Tischgebet sprach, als ich dort zufällig einmal zu Besuch war. Seine gehörnte Ehefrau wiederum, lies niemals davon ab, sich im Gottesdienst als das arme Opfer darzustellen und reichlich Hass-Tiraden während der Bibelgespräche auf die Konkurrentin abzuschießen. Mir als Pastor gab sie eines Tages nicht mehr die Hand, weil ich stets von Vergebung – auch gegenüber unseren Feinden - sprach, was ihr so gar nicht schmeckte. Auch unser Gemeindeleiter war ein Spezi: Seine unterdrückten Aggressionen ließ er nicht nur an seiner Frau aus – auch die neue Hausmeisterin wurde (natürlich in ihrer Abwesenheit) vor der Gemeinde ungeniert niedergemacht. Und viele andere Abwesende bei Gelegenheit auch. Der stellvertretende Gemeindeleiter wiederum hatte sich mit einer Schwester derart heftig in der Wolle, dass man die beiden gar nicht an einen Tisch setzen konnte. Sie haben sich nach meinem Kenntnisstand niemals ausgesprochen, weil er eines Tages einfach kurzerhand die örtliche Gemeinde wechselte, um dieser Frau nur ja nicht mehr zu begegnen.
Unsere Nachbargemeinde beschloss währenddessen, ihren Gemeinderaum nicht an `Baptisten´ zu vermieten: "Man kann doch Irrtümer und Irrlehren nicht auch noch im eigenen Haus dulden. Um Gottes Willen. Wo käme man da hin?"
Meine Friedensstifter-Qualitäten stießen damals immer wieder heftig an ihre Grenzen – und mein Unverständnis für diese Menschen, die doch jeden Tag in der Bibel die Texte von Liebe und Vergebung lesen konnten, wuchs. Erschwerend kam noch hinzu, dass viele – vielleicht die meisten – meiner damaligen Mitstudenten, tatsächlich der Überzeugung waren, sie könnten einen objektiven Standpunkt in Bezug auf Gott einnehmen, so, dass sie ihren `Geschwistern´ auch jederzeit sagen können, wo diese im Irrtum liegen.
Dies waren jetzt nur einige wenige, ganz spontane Beispiele, die mir hier ad hoc sofort beim Schreiben eingefallen sind. Doch wo immer ich damals hin sah: Borniertheit, Enge, Intoleranz. Und niemand da, der diesen Menschen hätte Einhalt geboten. Aber dennoch kamen von ihnen die innigsten Gebete. Und damit war dann wieder alles abgeglichen.
Nicht zuletzt wegen solcher Erlebnisse (die sich immer mehr häuften, je länger ich dieser Gemeinde angehörte) griff ich in meiner Diplom-Arbeit folgerichtig das Thema „Glaube und Neurose“ auf, da mir zwischenzeitlich fast der ganze kirchliche Überbau – und sicher nicht nur jener in dieser Gemeinde - mehr und mehr wie eine große neurotische Selbsttäuschung vorkam. Ich fand in den allerseltensten Fällen einen wirklich authentischen Menschen, der es gewagt hätte, über seine wahren Gefühle zu sprechen. Dabei kann doch wahre Heilung, wahre Vergebung und wahre Liebe immer nur im tiefsten Innern beginnen. Dort wollte sich aber kaum einer hinbegeben. Beinahe alles wurde irgendwie `im Namen Jesu´ schabloniert, vereinheitlicht, platt und gleichwertig gemacht. Keine Nuancen. Da gab es am Ende auch nicht ein einziges Problem, für das die Bibel nicht sofort die Lösung hätte bringen können - oder wenigstens die `schriftgemäße´ Rechtfertigung für Wut, Zorn oder Unversöhnlichkeit ablieferte. Kurz: Abstrakter ging es eigentlich nicht. Ich konnte dabei keinerlei Bezug zu den wirklichen Empfindungen der Menschen entdecken, für die doch manchmal jeglicher Ausdruck fehlt(e). Ich glaube heute gar, dass viele gerne mehr über sich und ihre Gefühle gesprochen hätten. Aber schnell hätten sie dann in Verdacht gestanden, ein „psychologisiertes Gottesbild“ zu vertreten. Und das wollte natürlich keiner. Die Psychologie war dort schon immer verpönt, da sie als viel zu `weltlich´, zu `modern´ angesehen wurde. Entsprechend schwer hatte ich es schließlich, das Thema meiner Diplom-Arbeit überhaupt beim Gremium durchzusetzen, wobei es dann, als es um die Benotung meiner Arbeit ging, Differenzen zwischen den Lektoren gab, und sie sich lange nicht einige wurden, wie ich nun einzustufen war. Bei der mündlichen Prüfung fühlten sie mir dann ausgiebigst auf den Zahn, um herauszufinden, in wie weit ich überhaupt noch in der Tradition der Gemeinde stand. Tatsächlich bekam ich erst vor kurzem jenen Vorwurf der „Psychologisierung“ von einem früheren Pastoren-Kollegen, dem ich vorab ein Auszug meines Buches per E-Mail geschickt hatte, noch einmal gemacht. Manches ändert sich eben auch nach 20 Jahren nicht.
So war die Konformität für die Meisten also der sicherere Weg, und ich erlebte auf diese Weise die christliche Religion in ihrer unpersönlichsten Art. Das, was ich damals eigentlich nur tat, war: Ich schaute genauer hin, genauer als es die meisten Anderen taten. Und was ich sah, erschreckte mich nicht selten. Da war einfach so wenig Wahres, Ehrliches, Authentisches. Die Glaubenspraktiken meiner damaligen `Brüder und Schwestern´ kamen mir tatsächlich wie `Opium für das Volk´ vor. Und irgendwann war nichts mehr übrig, das mich neu von der Richtigkeit dieser Art des christlichen Glaubens hätte überzeugen können. Der Graben zwischen eingebildetem Anspruch und wirklicher Lebenspraxis war unübersehbar groß.
Und nach meinem Eindruck stellten die meisten `Geschwister´ sich gegen ihr eigenes Wachstum. Etwa so, wie der kleine Oskar in Günther Grass´ Roman „Die Blechtrommel“1, verweigerten sie das Wachsen (im Gegensatz zu Oskar allerdings auf der psychischen Ebene). Ihr praktizierter Glaube reichte einfach nicht an jene Bereiche und Fragen heran, welche mich im Innersten so tief bewegten und auf die es in diesem Kreis nach wie vor keine Antworten für mich zu finden gab…





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